Die alte Börsenweisheit hat einen wahren Kern und auch wenn der Mai nun schon bald "bye-bye" sagt, wollen wir uns dieser Timing-Thematik im folgenden Artikel beschäftigen.
Was steckt hinter der Weisheit?
„Sell in May and go away, but remember to come back in September" — der Spruch stammt ursprünglich aus dem britischen Finanzjargon des 19. Jahrhunderts. Die Idee: Die Sommermonate bringen an der Börse magere Renditen, weil institutionelle Investoren, Fondsmanager und Großanleger Urlaub machen und das Handelsvolumen sinkt. Kaufpanik und Euphorie — die eigentlichen Kurstreiber — fehlen.
Und historisch? Da ist tatsächlich etwas dran. So hat der Dax im Betrachtungszeitraum von 1960–2023 in den kälteren Monaten von November–April durchschnittlich 6,0 % hinzugewonnen während es im Zeitraum Mai – Oktober nur 0,7 % waren.
Eine schon ältere Studie von Bouman & Jacobsen aus dem Jahre 2002 kommt zu folgendem Fazit:
„In über 60 Märkten über teils mehr als hundert Jahre: Die saisonale Strategie schneidet historisch besser ab als rein zufälliges Timing." In 36 von 37 untersuchten Märkten waren die Winterrenditen (November–April) höher als die Sommerrenditen (Mai–Oktober)." Der Effekt ist jedoch besonders stark in europäischen Ländern ausgeprägt.
In der folgenden Grafik sind die Monatsrenditen und auch die tendenziellen "Crash"-Monate dargestellt:

Verkauf im Mai oder besser erst im Sommer?
Die genaue Variante der Strategie macht einen Unterschied. Analysten der Deutschen Bank haben verschiedene Aus- und Einstiegszeitpunkte am Stoxx Europe 600 verglichen. Das Ergebnis:
- Klassische Variante: Verkauf Ende April, Wiedereinstieg Ende August. Historisch solide, aber nicht optimal — viele Sommerrallyes werden komplett verpasst.
- Optimierte Variante: Verkauf Ende Mai, Wiedereinstieg Ende September. Laut Deutsche-Bank-Analyse die historisch stärkste Variante am europäischen Markt.
Wer pausieren möchte, sollte eher August und September meiden als den ganzen Zeitraum von Mai bis Oktober. Der September gilt als statistisch schwächster Monat an der Börse — nicht der Mai. Auch der August und der Juni zeigen regelmäßig schwache Vorzeichen.
Wann die Strategie scheitert — und warum
Im Corona-Jahr 2020 ist der Dax allein im Mai um 6,7% gestiegen, 2024 waren es immerhin 3,2% Plus und auch in diesem Jahr konnte der Dax bislang einen Zuwachs von über 3,5% verbuchen (Stand: 27.05.2026).
Eine Rückrechnung verdeutlicht das strukturelle Problem: Ein Anleger, der 1990 mit 10.000 Euro einstieg und seitdem durchgehend investiert blieb, hatte laut einer Commerzbank-Analyse bis 2025 über 237.000 Euro mehr Gewinn als jemand, der konsequent die „Sell in May"-Strategie verfolgte.
Das Kernproblem dabei: Wer nur an 10 der besten Handelstage eines Jahrzehnts nicht investiert ist, verliert einen erheblichen Teil der Gesamtrendite. Denn diese Tage fallen nicht vorhersehbar in das Winterhalbjahr.
Wenn die Nerven blank liegen: Das Drawdown-Argument
Es gibt ein Argument für die Sommerpause, das in der reinen Rendite-Diskussion untergeht — und das für viele Anleger psychologisch schwerer wiegt als jede Statistik: Die größten Kursstürze der Börsengeschichte ereigneten sich fast ausnahmslos im Sommer und Frühherbst. Wer in diesen Monaten nicht investiert ist, sitzt die schlimmsten Drawdowns buchstäblich auf dem Sofa aus — ohne den emotionalen Druck, in Panik zu verkaufen und damit Verluste zu realisieren.
Für Anleger mit geringer Risikotoleranz oder kurz vor dem Renteneintritt kann die Sommerpause also durchaus rational sein — nicht wegen der Renditeoptimierung, sondern wegen der Verlustvermeidung in der kritischsten Marktphase des Jahres.
Der richtige Wiedereinstieg: Nicht September, sondern Oktober
Das alte Sprichwort sagt „come back in September". Die Daten sagen etwas anderes.
Der September ist nicht nur der statistisch schwächste Monat des DAX (Ø −2,1 %), er ist auch der Monat, in dem die meisten großen Crashes ihren Tiefpunkt oder ihre schlimmste Phase hatten — Lehman-Pleite 2008, Dotcom-Tief 2002, Großer Crash 1931. Wer im September wieder einsteigt, kauft mitten in der statistisch gefährlichsten Phase des Jahres.
Die Börsen-Zeitung fasst es treffend zusammen: Für den DAX gilt eher „Sell in July and say bye-bye" — denn der Juli bietet oft noch ein letztes Hochplateau. Danach beginnt im August und September die statistisch gefährlichste Phase, bevor ab Oktober das saisonale Muster wieder dreht.
Das optimale Zeitfenster
Wer die saisonale Strategie konsequent umsetzen möchte, orientiert sich an diesen Eckpunkten:
- Ausstieg: Ende Juli (nicht bereits im Mai) — Juli bietet historisch noch starke Renditen
- Pause: August + September — hier häufen sich Schwäche und Crash-Risiko
- Wiedereinstieg: 1.–15. Oktober als Zielkorridor; wer mehr Sicherheit will, wartet auf Anfang November
Aber Achtung: Jeder Verkauf im Sommer löst Abgeltungssteuer aus — der Nettovorteil schrumpft dadurch erheblich.
Der stille Renditekiller heißt "Abgeltungssteuer"
Hier liegt der entscheidende Aspekt, der in vielen Diskussionen über das Markt-Timing zu kurz kommt. Wer in Deutschland Aktien mit Gewinn verkauft — egal ob im Mai oder sonst wann — löst sofort eine Steuerpflicht aus.
Denn 25 % Abgeltungssteuer werden sofort auf den realisierten Kursgewinn fällig und automatisch von Bank oder Broker abgeführt Hinzu kommen noch 5,5 % Solidaritätszuschlag auf die Steuer — effektiv sind es dann ca. 26,375 %. Mit eventueller Kirchensteuer (8–9 % je nach Bundesland) entsteht somit eine effektive Belastung bis zu 27–28 %. Die Steuer fällt für Kapitalerträge oberhalb des jährlichen Freibetrags von 1.000 € pro Person / 2.000 € für Ehepaare an.
Das Kapitalverlust-Problem beim Verkauf
Stellen Sie sich vor, Sie haben 10.000 Euro investiert, und Ihr Depot ist auf 15.000 Euro gestiegen — ein Kursgewinn von 5.000 Euro. Sie verkaufen im Mai. Ihre Bank führt sofort rund 1.319 Euro Steuern ab (5.000 × 26,375 %). Zum Wiedereinstieg im September stehen Ihnen nur noch 13.681 Euro zur Verfügung.
Das verkaufte Kapital arbeitet während der Sommerpause nicht mehr für Sie — und der Teil, den das Finanzamt abgezogen hat, arbeitet nie mehr für Sie.
Wann kann saisonales Timing trotzdem sinnvoll sein?
Es gibt Situationen, in denen ein partieller Rückzug aus dem Markt rational ist — aber weniger wegen des Kalenders, sondern wegen persönlicher Umstände:
Rebalancing: Wenn eine Anlageklasse nach einer Rallye übergewichtet ist, kann ein Verkauf im Mai die Gelegenheit sein, das Portfolio wieder in Balance zu bringen. Die Steuer fällt dann ohnehin an.
Kurzfristiger Kapitalbedarf: Wer weiß, dass er im Herbst Kapital braucht, sollte Gewinne rechtzeitig realisieren — Saisonalität als Timing-Hilfe, nicht als Strategie.
Absicherung statt Verkauf: Professionelle Anleger können das Depot durch Absicherungsstrategien (z. B. Put-Optionen) gegen Sommerschwäche schützen, ohne zu verkaufen — und ohne Steuern zu triggern.
Fazit: Der Kalender ist kein Anlageberater — aber ein brauchbarer Risikohinweis
Die Datenlage zeigt: Es gibt einen statistisch messbaren saisonalen Effekt. Das Winterhalbjahr schlägt das Sommerhalbjahr im historischen Durchschnitt deutlich. Und die größten Drawdowns der Börsengeschichte häuften sich fast ausnahmslos in August, September und Oktober — was dem Sommer-Ausstieg ein zweites, psychologisch gewichtiges Argument verleiht.
Wer pausieren möchte, sollte sich jedoch an drei Korrekturen gegenüber der klassischen Weisheit orientieren: später aussteigen (Juli, nicht Mai), September konsequent meiden (entgegen dem Sprichwort) und im Oktober wieder einsteigen — rechtzeitig vor der Jahresendrally.
Doch der entscheidende Einwand bleibt: Die Abgeltungssteuer macht Markt-Timing für deutsche Privatanleger erheblich teurer als die reine Statistik vermuten lässt. Jeder Verkauf mit Gewinn ist ein Einschnitt in die Zinseszins-Maschine. Der statistische Sommervorteil wird durch Steuereffekte, Transaktionskosten und das Risiko verpasster Rallyes in den meisten Szenarien wieder aufgezehrt.
Im RoboVisor bieten wir derzeit eine ähnliche Strategie unter der Bezeichnung Halloween-Effekt Deutschland mit DAX-ETF kostenlos zur Nutzung an. Die Strategie verkauft Anfang Mai und steigt Anfang November wieder ein.
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Datenquellen, aufbereitet mit KI-Unterstützung: Commerzbank-Analyse (1990–2025), Deutsche Bank Research (Stoxx Europe 600), Bouman & Jacobsen (2002) / Erasmus University Rotterdam, Beatvest/Finanzen.net (DAX 1960–2023), Börsen-Zeitung (DAX-Saisonalität), extraetf.com (historische Crashdaten). Dieser Artikel dient ausschließlich der Information und stellt keine Steuer- oder Anlageberatung dar.